Schulfach Psychologie Studium

Gedächtnismodelle lernen mit Karteikarten: Speicher, Kodierung, Abruf

Gedächtnis ist kein einheitliches System, sondern ein Verbund spezialisierter Komponenten. Das Mehrspeichermodell (Atkinson & Shiffrin 1968) unterscheidet sensorisches Gedächtnis, Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis. Baddeleys Arbeitsgedächtnismodell verfeinert das Kurzzeitgedächtnis. Für das Studium zentral sind Kodierung, Konsolidierung und Abrufprozesse.

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Gedächtnismodelle für das Psychologiestudium

Gedächtnisforschung ist eines der experimentell am besten belegten Gebiete der Psychologie. Klassische Experimente (Ebbinghaus, Milner/HM, Baddeley) sind Prüfungsgrundlage.

  • Mehrspeichermodell (Atkinson & Shiffrin): Sensorisches Gedächtnis (ikonisch/echoisch, ~0,5 s) → Aufmerksamkeit → Kurzzeitgedächtnis (KZG, ~20 s, 7±2 Elemente, Chunking) → Elaborative Rehearsal → Langzeitgedächtnis (LZG, unbegrenzte Kapazität, dauerhaft). Kontrollprozesse regulieren Transfer.
  • Arbeitsgedächtnis (Baddeley & Hitch 1974): Phonologische Schleife (sprachlich-akustische Information, Artikulationsschleife), visuell-räumlicher Skizzenblock (visuelle und räumliche Information), zentraler Exekutive (Aufmerksamkeitskontrolle, Koordination), episodischer Puffer (Integration verschiedener Codes, episodische LZG-Verbindung).
  • Langzeitgedächtnis-Taxonomie: Explizit (deklarativ): episodisches Gedächtnis (autobiographische Ereignisse, Tulving) + semantisches Gedächtnis (Weltwissen, Fakten). Implizit (nicht-deklarativ): prozedurales Gedächtnis (motorische Fertigkeiten), Priming, konditionierte Reaktionen.
  • Kodierungstiefe (Craik & Lockhart 1972): Tiefe Elaboration (semantische Verarbeitung: Bedeutung, Assoziation) führt zu dauerhafteren Spuren als oberflächliche (optische, phonetische) Verarbeitung. Selbstreferenz-Effekt: Bezug auf eigene Person erzeugt besonders gute Kodierung.
  • Vergessen: Spurenzerfall (decay): ungenutzte Gedächtnisspuren schwächen ab (Ebbinghaus-Kurve, 50% Verlust nach 1h, 70% nach 24h). Interferenz: retroaktiv (neues Lernen stört altes), proaktiv (altes Lernen stört neues). Konsolidierungsstörungen (Amnesie nach Hippocampusläsion). Cue-abhängiges Vergessen.

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Vorderseite Rückseite
Was ist das Mehrspeichermodell des Gedächtnisses (Atkinson & Shiffrin)? Drei-Stufen-Modell: Sensorisches Gedächtnis (sehr kurz, große Kapazität) → Kurzzeitgedächtnis (begrenzte Kapazität, ~20 s ohne Rehearsal) → Langzeitgedächtnis (unbegrenzte Kapazität, potenziell dauerhaft). Transfer durch Rehearsal und Elaboration.
Was ist das sensorische Gedächtnis? Ultrakurzzeitiger Puffer für sensorische Information. Ikonisches Gedächtnis (visuell, ~0,5 s, Sperling 1960). Echoisches Gedächtnis (auditiv, 2-4 s). Überkapazitiv, keine bewusste Kontrolle; nur selektiv aufmerksamkeitsgefilterter Inhalt wechselt ins KZG.
Was ist Millers Kapazitätsgrenze (7±2) im Kurzzeitgedächtnis? George Miller (1956): KZG fasst 7±2 Chunks (sinnvolle Einheiten). Chunking: mehrere Einheiten zu einer Bedeutungseinheit zusammenfassen (z.B. Buchstabenfolge I-B-M als "IBM") erweitert effektive Kapazität. Aktuelle Forschung: eher 4±1 Einheiten (Cowan 2001).
Was ist der Unterschied zwischen Maintenance-Rehearsal und Elaborative Rehearsal? Maintenance Rehearsal (Erhaltungswiederholung): mechanisches Wiederholen, hält Information im KZG, führt zu schwacher LZG-Kodierung. Elaborative Rehearsal: inhaltliche Verknüpfung mit vorhandenem Wissen, erzeugt tiefere Spur und besseren LZG-Transfer.
Welche vier Komponenten hat Baddeleys Arbeitsgedächtnismodell? 1. Phonologische Schleife: Verarbeitung sprachlich-akustischer Information (Artikulationsschleife + phonologischer Puffer). 2. Visuell-räumlicher Skizzenblock: visuelle und räumliche Information. 3. Zentraler Exekutive: Aufmerksamkeitssteuerung. 4. Episodischer Puffer (seit 2000): Integration multimodaler Information.
Was ist der Wortlängeneffekt? Im KZG werden mehr kurze als lange Wörter behalten (Wortlängeneffekt). Ursache: Artikulationsschleife hat feste Zeitkapazität (~2 s); mehr kurze Wörter passen in dieses Zeitfenster als lange. Belegt Existenz der Artikulationsschleife im Arbeitsgedächtnis.
Was ist der Unterschied zwischen episodischem und semantischem Gedächtnis (Tulving)? Episodisches Gedächtnis: autobiographische Ereignisse mit Zeitstempel und Kontext ("Wo war ich, als..."). Semantisches Gedächtnis: kontextfreies Faktenwissen und Konzepte ("Paris ist die Hauptstadt Frankreichs"). Episodisches Gedächtnis ist störungsanfälliger und entwickelt sich später in der Kindheit.
Was ist implizites Gedächtnis? Nicht-deklaratives, unbewusstes Gedächtnis. Prozedurales Gedächtnis: motorische Fertigkeiten (Fahrrad fahren, Tippen). Priming: früherer Kontakt mit Reiz erleichtert spätere Verarbeitung, ohne bewusste Erinnerung. Konditionierte Reaktionen. Patient HM hatte intaktes implizites Gedächtnis trotz schwerer Amnesie.
Was zeigt der Fall HM (Henry Molaison) über das Gedächtnis? HM bekam 1953 beidseitig den Hippocampus entfernt (Epilepsiebehandlung). Folge: schwere anterogradeAm nesie (konnte keine neuen expliziten Erinnerungen bilden), retrograde Amnesie für kurz vor OP. Implizites Lernen (prozedurale Fertigkeiten) war intakt. Beweist Hippocampus als kritisch für explizite Gedächtniskonsolidierung.
Was ist Konsolidierung? Prozess, bei dem neue Gedächtnisspuren stabilisiert und langfristig gespeichert werden. Synaptische Konsolidierung: Stunden (LTP, Proteinsynthese). Systemische Konsolidierung: Wochen bis Jahre (Hippocampus überträgt Gedächtnis in Neokortex). Schlaf fördert Konsolidierung (Reaktivierung während Slow-wave-sleep).
Was ist die Theorie der Verarbeitungstiefe (Craik & Lockhart)? Nicht die Zeit im KZG, sondern die Verarbeitungstiefe bestimmt die Gedächtnisspur. Strukturelle Verarbeitung (Schriftart, Form): flach, schlechte Erinnerung. Phonetische Verarbeitung (Klang): mittel. Semantische Verarbeitung (Bedeutung, Assoziation): tief, beste Erinnerung.
Was ist der Selbstreferenzeffekt? Information, die auf die eigene Person bezogen verarbeitet wird ("Beschreibt dieses Adjektiv mich?"), wird besser erinnert als semantisch oder strukturell verarbeitete Information. Rogers, Kuiper & Kirker (1977). Erklärt durch reichhaltige assoziative Netzwerke der Selbstrepräsentation.
Was ist die Ebbinghaus-Vergessenskurve? Hermann Ebbinghaus (1885) lernte Nonsenssilben und testete sich nach verschiedenen Zeitintervallen. Exponentieller Verlust: ~50% nach 1 h, ~70% nach 24 h, ~80% nach 31 Tagen. Vergessen ist am stärksten kurz nach Lernen und verlangsamt sich. Basis für verteiltes Lernen (spacing effect).
Was ist retroaktive Interferenz? Neugelerntes Material stört den Abruf zuvor gelernter Information. Beispiel: neues Passwort lernen erschwert Erinnerung ans alte. Stärker je ähnlicher die Materialien sind. Gegenteil: proaktive Interferenz (altes Material stört neues).
Was ist cue-abhängiges Vergessen? Vergessen als Abrufversagen, nicht als Spurenverlust. Information ist im LZG gespeichert, aber ohne passenden Retrieval-Cue nicht zugänglich. Enkodierungsspezifität (Tulving): beste Erinnerung wenn Kodierungs- und Abrufkontext übereinstimmen (zustandsabhängiges Lernen: unter Alkohol Gelerntes besser unter Alkohol abrufbar).
Was ist der Primacy- und Recency-Effekt? In einer Wortliste werden Wörter am Anfang (Primacy) und am Ende (Recency) besser erinnert als in der Mitte (Serialpositionskurve). Primacy: erste Items hatten mehr Rehearsal-Gelegenheiten → ins LZG. Recency: letzte Items noch im Arbeitsgedächtnis.
Was ist Priming? Ein vorher präsentierter Reiz (Prime) verändert die Verarbeitung eines späteren Reizes (Target), ohne dass der Prime bewusst erinnert wird. Semantisches Priming: "Arzt" aktiviert "Krankheit". Repetitionspriming: früherer Kontakt beschleunigt spätere Erkennung. Form impliziten Gedächtnisses.
Was ist prospektives vs. retrospektives Gedächtnis? Retrospektives Gedächtnis: Erinnerung an vergangene Ereignisse und Fakten. Prospektives Gedächtnis: Absichten für die Zukunft erinnern ("Medikament um 14 Uhr nehmen"). Zeitbasiertes prospektives Gedächtnis (um 14 Uhr) vs. ereignisbasiertes (wenn X passiert, tue Y). Störbar durch kognitive Last.
Was ist Quellenverwechslung (source monitoring error)? Erinnerte Information wird fälschlich einer falschen Quelle zugeschrieben (z.B. eigene Idee als fremde erinnert, Gerücht als eigene Erinnerung). Loftus Misinformation-Effekt: nachträgliche suggestive Informationen verändern Erinnerungen an Augenzeugenberichte.
Was sind Schemas im Gedächtnis und wie beeinflussen sie Erinnern? Schemas sind kognitive Wissensstrukturen, die Erwartungen über typische Ereignisse und Objekte repräsentieren. Beim Erinnern: schemakonforme Details werden besser erinnert (Schema-Kongruenz-Vorteil), aber es werden auch schemakonforme Details falsch erinnert, die gar nicht vorhanden waren (konstruktive Natur des Gedächtnisses, Bartlett 1932).
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Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Amnesie und normalem Vergessen?

Normales Vergessen folgt der Ebbinghaus-Kurve und betrifft Details. Anterogradeamnesie: Unfähigkeit, neue explizite Erinnerungen nach einer Hirnläsion (Hippocampus) zu bilden. Retrograde Amnesie: Verlust von Erinnerungen vor der Läsion, oft zeitlich gestuft (jüngere Erinnerungen stärker betroffen).

Warum fördert verteiltes Lernen (spacing) die Gedächtnisleistung?

Spacing-Effekt (Ebbinghaus, Cepeda): über mehrere Sitzungen verteiltes Lernen führt zu besserer Langzeiterinnerung als massiertes Lernen (massed practice). Mögliche Mechanismen: Abruf beim Wiederholen stärkt Gedächtnisspur (retrieval practice), kontextuelle Variation erhöht Anzahl nützlicher Cues.

Kann das Gedächtnis unzuverlässig sein? Was zeigt die Forschung?

Gedächtnis ist konstruktiv, nicht reproduktiv. Loftus zeigte, dass suggestive Fragen nach Autounfällen Erinnerungen veränderten (Misinformation-Effekt). Falsche Erinnerungen können durch Imagination, sozialen Druck oder Therapie implantiert werden. DRM-Paradigma (Deese-Roediger-McDermott): Probanden erinnern Wörter, die nie präsentiert wurden.

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