Schulfach Politik Oberstufe

Wahlsystem Deutschland: Karteikarten zur Bundestagswahl

Das deutsche Bundestagswahlsystem kombiniert Mehrheits- und Verhältniswahlrecht zur personalisierten Verhältniswahl. Die Zweitstimme bestimmt die Sitzverteilung nach dem Verhältnis der Parteistimmen, die Erststimme entscheidet, welche konkreten Kandidaten einziehen. Das System wurde 2023 grundlegend reformiert.

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Personalisierte Verhältniswahl verstehen

Deutschland kombiniert zwei Wahlsysteme: Die Erststimme ist ein reines Mehrheitswahlrecht - wer im Wahlkreis die meisten Stimmen hat, zieht direkt ein. Die Zweitstimme ist Verhältniswahl - sie bestimmt den Anteil der Partei an den Gesamtsitzen. Die Erststimmengewinner werden bei der Sitzverteilung angerechnet.

Reform 2023

Nach der Bundestagswahl 2021 mit 736 Sitzen (Rekord durch viele Überhangmandate) wurde das Wahlrecht reformiert. Ab 2025 gilt: Feste Größe von 630 Sitzen. Direktmandate werden nur berücksichtigt, wenn die Partei mindestens so viele Sitze nach Verhältniswahl bekommt wie sie Wahlkreise gewonnen hat. Diese "Streichung" von Direktmandaten ist verfassungsrechtlich umstritten.

5%-Hürde und Grundmandatsklausel

Eine Partei muss entweder 5% der Zweitstimmen oder 3 Direktmandate gewinnen (Grundmandatsklausel), um in den Bundestag einzuziehen. Die Grundmandatsklausel wurde beim BVerfG angefochten; das Gericht stellte 2024 ihre grundsätzliche Verfassungsmäßigkeit fest, verlangte aber Anpassungen.

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Vorderseite Rückseite
Was ist die Erststimme? Mit der Erststimme wählt der Wähler direkt einen Kandidaten im Wahlkreis. Wer die meisten Erststimmen bekommt, zieht als Direktkandidat in den Bundestag ein (relatives Mehrheitswahlrecht). Deutschland hat 299 Wahlkreise.
Was ist die Zweitstimme? Mit der Zweitstimme wählt der Wähler eine Partei (Landesliste). Die Zweitstimme bestimmt den prozentualen Anteil der Partei an den Gesamtsitzen im Bundestag. Sie gilt als die "eigentlich wichtigere" Stimme für die Machtverhältnisse.
Was sind Überhangmandate? Wenn eine Partei in einem Bundesland mehr Direktmandate gewinnt als ihr nach Zweitstimmen Sitze zustehen, darf sie die überschüssigen Direktmandate behalten. Das führt zur Vergrößerung des Bundestags. Nach der Reform 2023 soll es keine Überhangmandate mehr geben.
Was waren Ausgleichsmandate? Um die Verhältnismäßigkeit zu wahren, wenn Überhangmandate entstanden, bekamen andere Parteien Zusatzsitze (Ausgleichsmandate). 2021 führte das zu 736 statt 598 Sitzen. Die Reform 2023 schafft Überhang- und Ausgleichsmandate ab.
Was ist die 5%-Sperrklausel? Eine Partei muss mindestens 5% der bundesweiten Zweitstimmen erhalten, um in den Bundestag einzuziehen (§ 6 BWahlG). Ziel: Verhinderung von Splitterparteien und Regierungsunfähigkeit wie in der Weimarer Republik.
Was ist die Grundmandatsklausel? Ausnahme zur 5%-Hürde: Eine Partei, die mindestens 3 Direktmandate gewinnt, zieht mit ihrem Verhältnisanteil in den Bundestag ein, auch wenn sie unter 5% der Zweitstimmen bleibt. Ermöglichte PDS/Linke mehrfach den Einzug.
Was bedeutet "personalisierte Verhältniswahl"? Das deutsche Wahlsystem kombiniert Persönlichkeitswahl (Direktkandidaten per Erststimme) mit Verhältniswahl (Parteienstimmen per Zweitstimme). Die Sitzzahl bestimmt sich nach dem Verhältnis der Zweitstimmen; Direktmandate personalisieren die Repräsentation.
Was sind die Wahlrechtsgrundsätze (Art. 38 GG)? Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. "Allgemein" = alle Deutschen ab 18. "Unmittelbar" = keine Wahlmänner. "Gleich" = jede Stimme zählt gleich viel.
Wie alt muss man sein, um bei der Bundestagswahl zu wählen? Aktives Wahlrecht (wählen dürfen): 18 Jahre. Passives Wahlrecht (kandidieren dürfen): ebenfalls 18 Jahre. Art. 38 Abs. 2 GG. In einigen Bundesländern gilt bei Landtags- und Kommunalwahlen bereits 16 Jahre.
Was ist ein Listenmandat? Parteivertreter, die nicht direkt in einem Wahlkreis gewonnen haben, sondern über die Landesliste ihrer Partei in den Bundestag einziehen. Nach Abzug der Direktmandate einer Partei werden die verbleibenden Sitze von der Listenreihenfolge her besetzt.
Was ist Stimmensplitting? Wenn Wähler Erst- und Zweitstimme verschiedenen Parteien geben. Beispiel: Erststimme an einen Direktkandidaten einer Partei (Persönlichkeitswahl), Zweitstimme an eine andere Partei (Koalitionspartner stärken). Rechtlich zulässig und strategisch häufig.
Was ist das Sainte-Laguë-Verfahren? Seit 2013 genutztes Sitzzuteilungsverfahren für den Bundestag (ersetzt d'Hondt). Teilt die Stimmenzahlen der Parteien durch 0,5 / 1,5 / 2,5 / 3,5... Divisoren und vergibt Sitze an die höchsten Quotienten. Benachteiligt große Parteien weniger als d'Hondt und bevorzugt Kleinparteien leicht.
Was ist das D'Hondt-Verfahren? Älteres Sitzzuteilungsverfahren: Stimmenzahlen werden durch 1, 2, 3, 4... geteilt, Sitze gehen an höchste Quotienten. Wurde 2013 durch Sainte-Laguë ersetzt. Bevorzugte leicht größere Parteien. Noch genutzt bei Europawahl in einigen Ländern.
Was ist der Unterschied zwischen aktiven und passiven Wahlrecht? Aktives Wahlrecht: Das Recht, an einer Wahl teilzunehmen und eine Stimme abzugeben. Passives Wahlrecht: Das Recht, sich als Kandidat aufstellen zu lassen und gewählt zu werden. Beim Bundestag: beides ab 18 Jahren, deutsche Staatsangehörigkeit erforderlich.
Was ist Briefwahl? Stimmabgabe per Post ohne persönliches Erscheinen im Wahllokal. Muss beantragt werden. Wahlbriefumschlag muss bis 18 Uhr am Wahltag bei der zuständigen Stelle eingegangen sein. Bei der Bundestagswahl 2021 gaben ca. 47% der Wähler ihre Stimme per Brief ab.
Was ist das Mehrheitswahlrecht? Wahlsystem, bei dem der Kandidat mit den meisten Stimmen gewinnt, unabhängig davon, ob er absolute oder relative Mehrheit hat. Relative Mehrheit: die meisten Stimmen genügen. Absolute Mehrheit: mehr als 50% nötig. Erststimme beim Bundestag ist relatives Mehrheitswahlrecht.
Was ist Verhältniswahl? Wahlsystem, bei dem die Sitzverteilung dem prozentualen Stimmanteil der Parteien entspricht. Vorteil: alle Wähler repräsentiert. Nachteil: kann zu vielen Kleinstparteien führen (daher Sperrklausel). Zweitstimme beim Bundestag ist Verhältniswahl.
Was ist der Bundeswahlleiter? Bundesbeamter (beim Statistischen Bundesamt angesiedelt), der die Bundestagswahl organisiert und das amtliche Ergebnis feststellt. Zuständig für Zulassung von Parteien, Einteilung der Wahlkreise, Kontrolle der Auszählung und Bekanntmachung des Ergebnisses.
Was ist ein Kandidat ohne Parteizugehörigkeit (Direktkandidat)? Einzelbewerber, die ohne Parteiunterstützung in einem Wahlkreis kandidieren (müssen 200 Unterstützungsunterschriften sammeln). Können den Wahlkreis gewinnen, können aber keine Listenmandate beanspruchen. Sehr selten erfolgreich; zuletzt 2002 ein parteiunabhängiger Direktkandidat im Bundestag.
Was ist Wahlprüfung und Wahlprüfungsgericht? Nach der Wahl können Wahlbeschwerden eingelegt werden. Zunächst prüft der Bundestag selbst (Wahlprüfungsausschuss), dann ist der Bundeswahlprüfungsausschuss beim BVerfG zuständig. Art. 41 GG: Wahlprüfung ist Sache des Bundestages, Beschwerde ans BVerfG möglich.
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Häufige Fragen

Warum ist die Zweitstimme wichtiger als die Erststimme?

Die Zweitstimme bestimmt den prozentualen Anteil einer Partei an den Gesamtsitzen und damit die Machtverhältnisse im Bundestag. Die Erststimme entscheidet nur, welche konkreten Kandidaten einziehen, nicht wie viele Sitze eine Partei bekommt. Koalitionsbildung und Kanzlerwahl folgen dem Zweitstimmenergebnis.

Was änderte sich mit der Wahlrechtsreform 2023?

Feste Größe von 630 Sitzen statt variabler Größe durch Überhangmandate. Direktmandate können gestrichen werden, wenn die Partei im Verhältnis weniger Sitze bekommt als Wahlkreise gewonnen hat. Die Grundmandatsklausel wurde auf 3 Direktmandate beibehalten. BVerfG prüfte 2024 die Verfassungsmäßigkeit.

Wie unterscheidet sich das deutsche Wahlsystem vom britischen?

Großbritannien nutzt reines Mehrheitswahlrecht (first-past-the-post) ohne Verhältnisausgleich. Wer im Wahlkreis vorne liegt, zieht ein. Das führt zu starken Zwei-Parteien-Tendenzen und großen Parlamentsmehrheiten bei relativ wenig Stimmenanteil. Deutschland hat mit der Verhältniswahl (Zweitstimme) eine breitere Repräsentation.

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