Lernplan erstellen: Wie viele Karten pro Tag, wie viele Wochen bis zur Prüfung?
Realistische Zeitrechnung für Karteikarten-Lernen: Wie viele neue Karten pro Tag du bei welcher Prüfungsvorlaufzeit anlegen solltest und wie du Review-Peaks vermeidest.
Der typische Fehler beim Lernplan-Erstellen: 500 Karten fürs Semester anlegen und hoffen, dass es sich zur Prüfung schon irgendwie fügt. Drei Wochen vor der Klausur stehen plötzlich 100 überfällige Reviews am Tag, ein Zeitbudget, das niemand mehr unterbringt, und einer der Hauptgründe, warum motivierte Lernende mitten im Semester abbrechen. Die Lösung ist banal und wird trotzdem selten gemacht: Vorher rechnen, wie viel pro Tag realistisch ist.
Wie sich Reviews aufstauen
Bei einem SM-2-System mit Standard-Intervallen (1 → 6 → 15 → 40 → 100 Tage) erzeugt jede neue Karte über die Zeit eine ziemlich vorhersagbare Review-Last. Am Tag, an dem du eine Karte anlegst, hast du dafür einen Review. Eine Woche später kommt sie wieder. Nach gut zwei Wochen, dann nach gut einem Monat, dann nach drei Monaten. Wenn du das für viele Karten parallel laufen lässt, mischen sich die Intervalle, und nach rund 60 Tagen pendelt sich eine ziemlich stabile Last ein: etwa zehn Reviews pro Tag pro 100 aktiv gehaltene Karten.
Daraus folgt eine Faustformel, die einen seriösen Lernplan stützt:
| Neue Karten/Tag | Stabile Review-Last/Tag (ab Tag 60) | Zeit/Tag |
|---|---|---|
| 5 | ~10–15 Karten | 5–10 Min |
| 10 | ~20–30 Karten | 10–15 Min |
| 20 | ~50–70 Karten | 20–30 Min |
| 30 | ~80–110 Karten | 35–50 Min |
| 50 | ~150–200 Karten | 60–90 Min |
Der Punkt: 30 neue Karten pro Tag klingen handlich, ergeben aber nach zwei Monaten einen Tagesaufwand, der locker eine Stunde frisst. Das ist nichts, was man beim Lernplan unterschätzen sollte.
Rechenbeispiel: Klausur in zehn Wochen
Nimm an, du hast ein Semesterfach mit rund 400 lernrelevanten Fakten und zehn Wochen bis zur Klausur. Wie verteilst du die Karten? Die saubere Aufteilung läuft in drei Phasen. In den ersten vier Wochen baust du das Deck auf, 15 neue Karten pro Tag, sechs Tage die Woche, ergibt 360 Karten. Die letzten 40 ergänzt du in Woche 5 und 6, parallel zu den ersten vollen Review-Tagen. In Woche 7 und 8 stehst du im Peak: keine neuen Karten mehr (oder nur noch sehr wenige), dafür alle Reviews, die jetzt aus den vorhergehenden Wochen reinkommen. Die letzten zwei Wochen sind reine Konsolidierung, Reviews und gezieltes Drillen der Karten, die immer wieder schiefgehen (sogenannte Leeches).
Der Zeitaufwand im Peak liegt bei rund 40 bis 50 Minuten täglich. Das ist realistisch, wenn du früh anfängst. Wer dieselben 400 Karten in den letzten drei Wochen anlegt, kommt auf 90 Minuten und mehr pro Tag und ist am Klausurtag erschöpft, ohne den Stoff sicher zu beherrschen.
Eine Regel, die sich in der Praxis bewährt hat: Stoppe mit neuen Karten zehn Tage vor der Prüfung. Karten, die in dieser letzten Phase angelegt werden, haben nur ein, zwei Reviews und sind in der Klausur wackelig. Die letzten zehn Tage gehören dem Vertiefen, nicht dem Erweitern.
Wann mehrere Decks Sinn ergeben
Ab rund 800 bis 1.000 aktiv gehaltenen Karten wird ein einzelnes Deck unhandlich. Typischerweise teilst du dann nach Fach auf, ein Deck Anatomie, eines Pharma, eines Innere, und legst innerhalb der Fächer Sub-Decks für Unterkategorien an. Ein separates Leech-Deck für chronisch schwierige Karten ist eine gute Idee: Dort drillst du intensiver, ohne den Hauptlauf zu stören.
Was du nicht willst, ist ein Sammelalbum aus zwölf parallelen Decks. Jedes Deck verlangt vor jeder Lerneinheit eine Entscheidung, welches kommt zuerst, wie viel Zeit pro Stück, was schiebst du auf morgen. Fünf Decks sind das praktische Maximum für einen einzelnen Lernenden.
Was tun, wenn der Stapel überfällig wird
Es kommt der Tag, an dem 300 Reviews unbeantwortet im System stehen, weil eine Erkältung dazwischenkam, ein Urlaub oder schlicht ein Motivationsloch. Erste Regel: kein Anki-Wahnsinn am Rückkehr-Tag. Wer alles auf einmal abarbeiten will, sitzt drei Stunden vor dem Bildschirm und gibt am Tag darauf endgültig auf.
Sinnvoller ist eine geplante Aufholphase: Sieben bis zehn Tage extra rund 60 Karten täglich, neue Karten pausieren, danach in den Ursprungsrhythmus zurück. Anki hat dafür einen Cram Mode, mit dem du gezielt bestimmte Karten außerhalb der Algorithmus-Logik durchgehen kannst, nützlich, wenn vor einer Prüfung gezielt eine Untergruppe gedrillt werden soll. Für lernkarten-planer.de reicht in der Regel, neue Karten zwei Wochen lang auszusetzen und Reviews konsequent abzuarbeiten.
Quellen
- Piotr Woźniak: Planning learning in SuperMemo
- Gwern.net: Spaced repetition for efficient learning
Häufige Fragen
Wie viele Karten pro Tag sind für Schüler realistisch?
Für einen 15-Jährigen mit mehreren Fächern: 5–10 neue Karten pro Tag pro Fach. Bei 5 Fächern also 25–50 Karten täglich (neu + Review). Mehr führt zu Frust und Abbruch. Konsistenz schlägt Menge.
Sollte ich jeden Tag Karten machen, auch am Wochenende?
Ja. Der Algorithmus rechnet in Tagen, nicht in Werktagen. Wochenend-Pausen führen zu Montag-Stau. Alternative: Samstag/Sonntag nur 10 Minuten Review, keine neuen Karten.
Was passiert, wenn ich mehr Reviews mache als der Algorithmus vorschlägt?
Dann verschwindest du die Intervalle für diese Karten. Mehrfach-Review an einem Tag bringt fast nichts (das Gedächtnis konsolidiert zwischen den Tagen). Besser: gezielt schwierige Karten öfter, einfache gemäß Algorithmus.
Kann ich einen Lernplan im Voraus für 6 Monate festlegen?
Grobe Orientierung ja, detailliert nein. Die Review-Last entwickelt sich dynamisch, schwierige Karten wiederholen sich häufiger. Plan auf Wochen-Basis (neue Karten pro Woche, geplante Prüfungs-Meilensteine), nicht tagesgenau.
Ab wann merke ich, dass Karteikarten für mich funktionieren?
Nach 2–3 Wochen konsequentem Durchhalten. Vorher fühlt es sich wie Zeitverschwendung an, ab Woche 2 werden alte Karten leichter, und du merkst: „Oh, das ist immer noch drin." Das ist der Punkt, ab dem es Spaß macht.